
Kenny kam und übernahm
Kenny war ungefähr vier Monate alt, als er per Mausklick aus Rumänien direkt in unser Wohnzimmer gebeamt wurde.
Kaum auf unserem Grundstück angekommen, schnappte er meiner ältesten Hündin ein Leckerchen direkt vor der Nase weg. Diese beantwortete das mit einer angemessenen Korrektur. Kenny hatte danach eine winzige Macke am Kopf und ich war alarmiert.
Von diesem Moment an begann ich, ihn vor weiteren Korrekturen meiner Hündin zu schützen. Ich schämte mich dafür, dass mir als langjähriger Mehrhundebesitzerin so etwas direkt am ersten Tag mit einem Welpen passierte.
Heute würde ich das anders machen. Damals wusste ich es nicht besser.
Ich nahm ihm damit die klaren Grenzen der Hunde, ohne sie jedoch durch meine eigene Führung ersetzen zu können. Und Kenny erkannte sehr schnell, wie er diesen Raum nutzen konnte.
Nicht weil er böse war und nicht weil er Chef spielen wollte. Ich gab ihm keine für ihn verständliche Souveränität, Sicherheit und Führung.
Also übernahm er sie selbst.
Und ich bemerkte zunächst überhaupt nicht, was da zwischen uns entstand.
Wir wurden ziemlich gut darin, uns gegenseitig zu beschäftigen
Zu Beginn schlief ich mit Kenny auf dem Sofa, damit ich merkte, wenn der Welpe raus musste. Kenny begann gleich in der ersten Nacht, jedes Geräusch zu melden. An Schlaf war da gar nicht zu denken.
Er bellte und ich wollte es unterbinden, um Nachbarn und meine Familie nicht aus dem Schlaf zu wecken. Er bellte wieder und ich reagierte wieder auf Kenny.
Was so unscheinbar begann, entwickelte sich mit der Zeit zu einem ziemlich ausgeklügelten Zusammenspiel.
Nach Tagen ohne zusammenhängenden Schlaf reagierte ich täglich gereizter. Kenny erkannte sehr schnell, dass er mit Bellen immer wieder eine Reaktion bei mir auslöste.
Ich war damals ein empfängliches Gegenüber: Corona, Arbeit, Kinder, Haus und Grundstück, mehrere Hunde und die Betreuung meiner Oma war schon ein ziemliches Tagespensum an sich. Aber das dann alles ohne Schlaf…..
Ich war dauerhaft angespannt und erschöpft und einfach nur froh, irgendwie durch den Tag zu kommen.
Je erschöpfter und weniger klar ich wurde, desto mehr übernahm Kenny. Und je mehr Kenny übernahm, desto mehr versuchte ich, ihn zu kontrollieren.
So schaukelten wir uns gegenseitig hoch.
Kenny hatte nach meiner damaligen Auffassung mehrere Gesichter
Das war das eigentlich Verrückte an Kenny.
Zu Hause konnte er unglaublich präsent und durchsetzungsstark sein. Er kontrollierte, forderte ein und wusste ziemlich genau, wie er Menschen und Hunde in Bewegung bekam.
Draussen war derselbe Hund ein völlig anderer. Menschen, Fahrräder, Kinderwagen oder Rollatoren lösten massive Unsicherheiten aus. Mal wich er bloss aus, mal war er panisch.
Innerhalb der Hundegruppe wiederum war er ständig damit beschäftigt, die anderen zu beobachten und zu regulieren.
Damals dachte ich tatsächlich, Kenny hätte mehrere Persönlichkeiten. Ich erkannte keinen roten Faden in seinem Verhalten.
Heute weiss ich: Es gab ihn. Ich konnte ihn nur noch nicht lesen.
Kenny ist ein enorm wesensstarker Hund, der sehr früh Verantwortung übernommen hat und mit dieser Verantwortung in unserer Menschenwelt zunehmend überfordert war.
Genau dieser Widerspruch zwischen Stärke, Kontrolle und massiver Unsicherheit brachte mein damaliges Wissen an seine Grenzen – und mich auf die Suche nach Hilfe.
Nach mehreren Hundetrainern im immer grösser werdenden Umkreis führte mich meine Suche schliesslich zu Kusi und seinem dog-psychology-center über 600 Kilometer entfernt in die Schweiz. Kusi verstand die Zusammenhänge des ganzen Verhaltens und deren Zusammenhänge im grossen Ganzen und änderte damit meine Sicht auf Kenny völlig. Plötzlich machte alles einen Sinn.
Heute sehe ich einen anderen Kenny, weil ich anders sehe
Heute ist Kenny nicht mehr der hochreaktive und ängstliche Hund von damals. Und ich sehe sehr viel klarer, was er tut.
Ich erkenne seine Kontrollmechanismen. Ich erkenne echte Unsicherheit. Und ich erkenne auch Verhaltensweisen, die einmal aus Unsicherheit entstanden sein mögen, sich für Kenny aber über Jahre schlicht bewährt haben.
Er weiss ganz genau, was früher darauf folgte: Ich stand auf, ich sprach ihn an, ich korrigierte ihn, ich schickte ihn weg. Und schon hatte Kenny meine volle Aufmerksamkeit.
Früher reagierte ich automatisch.
Heute kann ich das sehen und entscheiden, ob überhaupt eine Reaktion notwendig ist.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wissen allein reicht trotzdem nicht
Und genau das ist einer der wichtigsten Punkte, die Kenny mir bis heute beigebracht hat.
Ich verfüge heute über Wissen, das ich damals nicht hatte. Wissen macht einen Menschen aber nicht unverwundbar.
Nach Kusis Tod ist mein eigenes Leben völlig aus der Balance geraten. Es gibt sie immer noch sehr häufig, die traurigen Tage oder Momente. Die Tage, an denen die Kraft fehlt. Wie an einem dunklen Wintertag, an dem man einfach nur die Tür zumachen und seine Ruhe haben möchte.
An solchen Tagen weiss ich ebenfalls, was mein Hund tut. Aber zwischen etwas erkennen und es in jedem einzelnen Moment souverän händeln zu können, liegt manchmal ein gewaltiger Unterschied.
Ich finde das heute nicht mehr beschämend. Ich finde es menschlich.
Und vielleicht erkennen sich genau darin auch Menschen wieder, die zu mir kommen.
Man kann sehr viel über seinen Hund verstanden haben und trotzdem in alte Muster zurückfallen. Man kann wissen, dass Aufregung gerade keine Aufregung braucht und trotzdem selbst angespannt sein. Man kann wissen, dass sein Hund Klarheit benötigt und an diesem Tag selbst keine haben.
Entscheidend ist nicht, niemals zu wackeln.
Entscheidend ist es, diese Momente zu erkennen und wieder in die eigene Kraft zurückzufinden.
Heute leben wir beide anders
Nachdem ich in die Schweiz kam, lebte Kenny zwei Jahre draussen mit meinem Rudel. Heute ist er wieder Teil meines Alltags.
Kenny akzeptiert inzwischen die Nähe der anderen Hunde im Raum. Dort lernt er eine Aufgabe, die für einen Hund wie Kenny gar nicht so einfach ist: zusehen und lernen. Nicht immer direkt hochfahren.
Andere Hunde stehen auf, Menschen bewegen sich, draussen geschieht etwas – und Kenny muss nicht immer reagieren.
Auch mit Besuch arbeiten wir daran, dass er die Nähe von Menschen immer selbstverständlicher zulassen kann.
Und während Kenny seine Dinge lernt, lerne ich nach allem, was im letzten Jahr geschehen ist, wieder meiner eigenen Stärke zu vertrauen.
Das eine hat für mich sehr viel mit dem anderen zu tun. Denn ich kann meinem Hund hundertmal etwas sagen.
Ein Hund wie Kenny glaubt mir aber nicht einfach meine Worte.
Er glaubt mir, wenn ich es ausstrahle.
Kenny ist heute einer von acht
Heute ist Kenny einer von acht extrem wesensstarken Hunden, mit denen ich zusammen lebe.
Acht unterschiedliche, starke Persönlichkeiten, die jeden Tag ziemlich genau prüfen, ob das, was ich sage, auch zu dem passt, was ich ausstrahle.
Sie beobachten, sie testen, sie entwickeln Strategien – und dabei tricksen sie mich auch heute noch manchmal aus.
Diese Hunde fordern mich jeden Tag, noch genauer hinzusehen, noch klarer zu werden und auch mich selbst immer wieder zu hinterfragen. Und dafür muss ich jeden Tag ein kleines Stückchen über mich hinauswachsen.
Wenn ich heute meinen alten Satz über Kenny lese – „Es gibt keinen roten Faden in seinem Verhalten“ – muss ich lächeln.
Denn ausgerechnet dieser Hund wurde zu meinem ganz persönlichen roten Faden in meinem Leben.
Eigentlich wollte ich gar keinen neuen Hund, als mein alter Rüde damals starb. Doch das Universum hatte andere Pläne mit mir. Kenny brachte mich auf die Suche nach Antworten für einzelne Probleme und veränderte damit mein gesamtes weiteres Leben.