In Erinnerung

In Erinnerung an Kusi

† Oktober 2025 · 59 Jahre

Manche Menschen geben uns Wissen.

Manche verändern die Art, wie wir die Welt sehen.

Und ganz wenige verändern unser gesamtes Leben.

Kusi war für mich all das.

Stefanie und Kusi in einer grünen Schlucht

Ein Mensch, über den ich erst schmunzeln musste

Wer Kusi auf der Strasse begegnete, hätte vermutlich nicht geahnt, was in diesem Mann für ein Charakter steckte.

Alte Jogginghose, Gummi-Crocs, gern auch im Winter ohne Socken, lockige unbezähmbare Haare, ein etwas überwuchertes Gesicht – optisch immer so ein kleines bisschen Rumpelstilzchen.

Er war keiner, der sich für die Welt herausputzte. Aber genau das war Kusi.

Er war aussergewöhnlich intelligent, dachte unglaublich schnell und logisch und hatte einen Dickkopf, mit dem er durchaus auch einmal durch die Wand wollte.

Wenn etwas für ihn vollkommen unlogisch war und sein Gegenüber partout nicht verstehen wollte, was für ihn längst offensichtlich war, konnte ihn das innerlich auf die Palme bringen.

Gleichzeitig steckte in diesem manchmal etwas ruppig wirkenden Mann so unglaublich viel Gefühl, Herzenswärme und sein ganz eigener Humor.

Bei den Hunden war er zu Hause

Die Hunde standen für Kusi an erster Stelle. Er beobachtete sie mit einer Genauigkeit, die mich bis heute fasziniert.

Hier zu Hause wurde rund um die Uhr gefilmt. Morgens, oft schon gegen fünf Uhr, sass Kusi auf seinem riesigen Hundesofa vor seinem PC im Wohnzimmer. Der riesige Fernseher war sein Bildschirm, die Tastatur lag auf seinen Beinen.

Er wertete Aufnahmen aus, komprimierte und speicherte sie. Sein PC war sein absolutes Heiligtum und geschützt wie Fort Knox.

Sequenz für Sequenz, Bewegung für Bewegung. Ihm entging kaum etwas von dem, was im Rudel geschah.

Seine Hunde liebte er sehr, ohne sie zu vermenschlichen. Man musste ihn nur beobachten, wenn er sie ansah. In seinem Blick lag eine Wärme, die keiner grossen Worte bedurfte.

Er kannte alle in und auswendig und schätze alle Hunde samt ihrer starken Persönlichkeiten sehr.

Wenn ich heute seine Hunde anschaue, entdecke ich in ihnen immer wieder Eigenschaften, die mich an Kusi erinnern.

Hunde waren für ihn keine kleinen Menschen im Fell

Die Vermenschlichung von Hunden konnte Kusi überhaupt nicht verstehen. Er wollte, dass Menschen aufhören, ihre Hunde nach menschlichen Vorstellungen zu betrachten, und anfangen hinzusehen, wen sie da tatsächlich vor sich haben und welche Bedürfnisse ein Hund tatsächlich hat. Über Glitzerhalsbändchen konnte er einfach nur den Kopf schütteln. Alles Muttikram.

Wenn Menschen ihrem Hund hinterher liefen statt andersherum und sich von ihnen kontrollieren und durch die Gegend ziehen liessen, kommentierte er gern:

„du spielst den Welpen deines Hundes“.

Bei Rüden wurde er noch deutlicher:

„Deine Frau ist die Hündin deines Rüden. Dir gehört sie schon lange nicht mehr.“

Provokant? Natürlich. Aber eben auch typisch Kusi.

Die elegante Verpackung war nicht immer seine grösste Sorge. Er wollte Menschen wachrütteln, damit sie genauer hinschauten und begannen, die Beziehung zu ihrem Hund aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Der Arschengel

Kusi nannte sich selbst gern einen Arschengel. Und irgendwie passte das ziemlich gut.

Er sagte den Menschen, was er sah und was er dachte. Manchmal sehr direkt, manchmal direkter, als sein Gegenüber es gerade vertragen konnte. Er war einfach gerade heraus, authentisch, ehrlich.

Wenn jemand wirklich lernen wollte, konnte Kusi trotzdem unglaublich geduldig sein. Dann erklärte er etwas noch einmal und noch einmal. Er zeigte, beobachtete und erklärte weiter.

Sein Ziel war immer, dass es dem Hund besser ging.

Seine grosse Gabe

Bei Hunden hatte Kusi eine Fähigkeit, die mich von Anfang an tief beeindruckt. Er konnte gerade sehr unsicheren Hunden innerhalb kürzester Zeit etwas vermitteln, das man schwer in Worte fassen kann. Er liess sie spüren:

„Du kannst mir vertrauen. Ich schau zu dir.“

Bei Kenny habe ich es selbst erlebt.

Kenny hatte Angst vor Menschen. Meist war er panisch und wollte vor ihnen flüchten.

Kusi näherte sich ihm damals sehr speziell, zunächst auf allen Vieren wie ein Hund, liess Kenny ihn kennenlernen und wahrnehmen, legte ihm ein Halsband an und sagte irgendwann einfach:

„Komm mit.“

Und Kenny ging mit.

Dieser Hund vertraute ihm. Einfach so, obwohl sie sich vorher noch nie gesehen hatten.

Ich sass damals als staunende Kundin hier im Seminar und wusste: Hier bin ich richtig.

Ein Wissen, das Spuren hinterlassen hat

Kusi war stolz auf das, was er über Hunde wusste und mit ihnen erreicht hatte. Er wollte, dass Menschen genauer hinschauen, weniger vermenschlichen und beginnen, die Kommunikation ihrer Hunde besser zu verstehen.

Einmal schien die Möglichkeit einer grösseren Öffentlichkeit zum Greifen nah. Das SRF begann, eine Dokumentation über ihn zu drehen. Zwei von drei Drehtagen fanden statt, bevor das Projekt aufgrund des Budgets nicht weitergeführt wurde.

Doch auch ohne diese grosse Öffentlichkeit hat Kusi Spuren hinterlassen.

Nach seinem Tod erreichten mich viele Nachrichten von Menschen, denen er nicht nur wegen seiner Arbeit mit ihren Hunden sehr viel bedeutet hatte. Er hatte zu vielen Menschen auch lange nach der Arbeit mit den Hunden noch sehr tiefe Verbindungen, war Ratgeber in Lebensfragen und strahlte immer eine Souveränität und Sicherheit aus, die den Menschen Kraft und Halt gab. Es liefen viele Tränen, als man von seinem so plötzlichen, viel zu frühen Tod erfuhr.

Ich verlor mit ihm meinen Partner, meinen Lehrer, einen Menschen, von dem ich noch so viel lernen wollte – und meine ganz spezielle grosse Liebe.

Was bleibt?

Vieles von dem, was ich von Kusi lernen durfte, ist Teil meines heutigen Blickes auf Hunde geworden.

Ich werde sein Wissen weiter tragen, indem ich es mit meinen eigenen Erfahrungen verbinde und es auf meine eigene Weise und mit meiner eigenen Persönlichkeit weiterentwickle.

Ich bin sicher, er sitzt dort oben auf seiner Wolke und flüstert mir zu:

„Ich bin richtig stolz auf dich, Schatzi. Mach weiter so. Lass dir von keinem sagen, wer du sein sollst. Entscheide selbst und hör auf dein Bauchgefühl. Du machst das gut. Denk dran, was ein Leithund denkt: Geht nicht, gibt’s nicht!“

Etwas von einem Menschen lebt in dem weiter, was er anderen hinterlassen hat: in Wissen, in veränderten Blickwinkeln, in Menschen und Hunden, deren Leben er berührt hat.

Ich bin traurig, dass unsere gemeinsame Zeit einfach viel zu kurz war. Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich diesen aussergewöhnlichen Menschen kennenlernen, von ihm lernen, ihn mit seinen Hunden und den Menschen erleben durfte und vor allem, dass wir uns lieben durften. Mit Dankbarkeit werde ich all das, was ich von ihm und seinem Rudel lernen durfte, weitergeben.