Gedanken & Beobachtungen

Sie wissen sehr genau, welche Knöpfe sie bei uns drücken müssen

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Zentrale Leithunde sind außergewöhnlich genaue Beobachter. Sie erkennen sehr schnell, welches eigene Verhalten bei welchem Menschen welche Reaktion hervorruft – und welchen persönlichen Vorteil sie daraus ziehen können.

Wie schnell Hunde solche Zusammenhänge erfassen, lässt sich bei manchen Straßenhunden besonders eindrücklich beobachten: Ein Hund verletzt sich und humpelt. In dieser Zeit erregt er das Mitleid einiger empathischer Menschen und bekommt häufiger Futter zugeworfen. Dieses Verhalten speichert er ab. Auch wenn er wieder gesund ist folgt er dem Muster. Der Hund entdeckt essende Menschen und bewegt sich plötzlich scheinbar schwer beeinträchtigt auf sie zu. Er humpelt bewusst auf die Menschen zu. Die Menschen bekommen Mitleid und werfen ihm etwas von ihrem Essen zu. Der Hund bekommt sein Futter und läuft anschließend wieder ganz normal davon.

Ein erlerntes erfolgreiches Verhalten, das ihm sein Überleben sichert. Also lohnt es sich, dieses Verhalten immer wieder einzusetzen.

Bei zentralen Leithunden erlebe ich diese Fähigkeit besonders ausgeprägt. Sie beobachten nicht nur, ob der Mensch reagiert, sondern lernen sehr schnell, wie sie ihn zu einer bestimmten Reaktion bewegen können und sie haben ein maximales Gespür dafür, bei welchen Menschen sie damit den meisten Erfolg haben können..

Ein Quietschen bringt Aufmerksamkeit. Eine bestimmte Unruhe bringt den Menschen dazu aufzustehen. Ein fordernder Blick führt zum gewünschten Kontakt. Der Hund kann auf diese Weise lernen, menschliche Reaktionen zunehmend für sich zu nutzen und sich damit Zugang zu Aufmerksamkeit, Nähe, Raum oder anderen Ressourcen zu verschaffen.

Wenn ich hierbei von Manipulation spreche, meine ich die Fähigkeit des Hundes, durch sein eigenes Verhalten gezielt Einfluss auf das Verhalten seines Gegenübers zu nehmen und daraus einen Vorteil zu ziehen.

Warum Konditionierung bei diesen Hunden zum Problem werden kann

Genau hier liegt für mich eine besondere Schwierigkeit klassischer Konditionierung.

Der zentrale Leithund lernt nicht nur die gewünschte Übung. Er erkennt sehr schnell das gesamte Muster dahinter: Was möchte der Mensch? Wann gibt es eine Belohnung? Was muss ich dafür tun? Und wie kann ich den Ablauf beeinflussen?

So kann der Mensch glauben, seinen Hund zu führen, während der Hund innerhalb des erlernten Systems weiterhin erheblichen Einfluss darauf hat, was geschieht.

Aus meiner Sicht kann das bei einem zentralen Leithund sogar die bestehende Dynamik bestätigen: Der Mensch reagiert – und der Hund erlebt weiterhin, dass sein eigenes Verhalten die Reaktion des Menschen bestimmt.

Besonders problematisch wird es, wenn aggressive Verhaltensweisen Teil eines solchen erfolgreichen Musters werden.

Knurrt ein Hund beispielsweise und der Mensch weicht zurück, hat der Hund zunächst etwas sehr Einfaches gelernt: Knurren schafft Distanz und bringt den Menschen in eine unsichere ängstliche Energie..

Schnappt er und der Mensch beendet daraufhin eine Handlung oder gibt eine Ressource frei, ist auch dieses Verhalten für den Hund erfolgreich gewesen.

Wird ein solches Muster immer wieder bestätigt, kann sich das Verhalten festigen und unter Umständen weiter steigern. Der Hund hat gelernt, dass Knurren oder Schnappen geeignet ist, sein Gegenüber zu beeinflussen und ein für ihn gewünschtes Ergebnis herzustellen.

Deshalb ist es für mich gerade bei zentralen Leithunden so wichtig, nicht erst beim aggressiven Verhalten anzusetzen.

Wir müssen viel früher erkennen, wann der Hund beginnt, Kontrolle zu übernehmen oder das Verhalten seines Menschen zu beeinflussen.

Der Mensch lernt, diese feinen Momente wahrzunehmen und selbst rechtzeitig Verantwortung zu übernehmen, bevor der Hund überhaupt das Gefühl bekommt, die Situation mit Knurren, Schnappen oder anderen deutlichen Verhaltensweisen regeln zu müssen.

Dabei geht es nicht darum, Knurren oder Schnappen mit Härte zu beantworten. Bei aggressivem Verhalten stehen zunächst Sicherheit, eine genaue Einschätzung der Situation und ein klarer Umgang mit dem Hund im Vordergrund.

Das Ziel ist, die Dynamik so früh zu erkennen und zu verändern, dass der Hund aggressive Strategien gar nicht erst als erfolgreichen Weg etablieren muss.