Gedanken & Beobachtungen

Hochsensibilität & Resonanz

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Vielleicht bist du nicht „zu empfindlich“

Manche Menschen nehmen ihre Umwelt intensiver wahr als andere. Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Berührungen, Stimmungen oder kleinste Veränderungen in einer Stimme können sehr präsent sein. Was für andere längst zum Hintergrund geworden ist, bleibt im eigenen Wahrnehmungsfeld.

Wenn man damit aufwächst, ohne zu wissen, dass Menschen unterschiedlich sensitiv auf ihre Umwelt reagieren, entsteht schnell eine andere Erklärung:

Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin zu empfindlich.

Dabei ist eine feine Wahrnehmung zunächst weder gut noch schlecht. Sie kann anstrengend sein. Sie kann aber auch eine große Fähigkeit sein.

Entscheidend ist nicht nur, was wir wahrnehmen, sondern wie wir mit dem Wahrgenommenen umgehen.

Wahrnehmung ist nicht Interpretation

Wer fein wahrnimmt, bemerkt häufig sehr kleine Veränderungen.

Ich höre vielleicht, dass sich die Stimme eines Menschen verändert. Ich sehe einen anderen Gesichtsausdruck oder bemerke eine Stimmung im Raum.

Das ist zunächst Wahrnehmung.

Der Gedanke:

„Er ist enttäuscht von mir.“

ist bereits meine Interpretation.

Diese Unterscheidung ist für mich wichtig geworden. Denn eine feine Wahrnehmung kann mir viele Informationen liefern. Aber nicht jede erste Erklärung, die mein Kopf daraus macht, muss richtig sein.

Das gilt auch für meine Hunde.

Ich kann eine Veränderung in Körperspannung, Blick oder Bewegung sehr früh bemerken. Diese Wahrnehmung ist wertvoll. Trotzdem muss ich beobachten und überprüfen, was sie tatsächlich bedeutet.

Wahrnehmen – einschätzen – reagieren – beobachten – neu bewerten.

Wahrnehmung ist nicht Verantwortung

Noch etwas habe ich lernen müssen:

Nur weil ich wahrnehme, dass jemand etwas möchte, unzufrieden ist oder auf meine Entscheidung reagiert, bin ich nicht automatisch dafür verantwortlich, diesen Zustand zu verändern.

Auch das begegnet mir bei meinen Hunden.

Ein Hund kann protestieren. Er kann unzufrieden mit meiner Entscheidung sein. Ich darf seinen Protest wahrnehmen und ernst nehmen – ohne deshalb meine Grenze wieder aufzugeben.

Viel wahrzunehmen bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein, was ich wahrnehme.

Für mich liegt darin ein wesentlicher Schritt von Anpassung zu Selbstbestimmung.

Und was ist mit unseren Hunden?

Auch Hunde unterscheiden sich darin, wie intensiv sie ihre Umwelt beobachten und worauf sie reagieren.

In unserer langjährigen Arbeit mit Hunden haben wir immer wieder Tiere erlebt, die kleinste Veränderungen sehr früh wahrnahmen: Bewegungen auf große Entfernung, Veränderungen innerhalb einer Hundegruppe, Körperspannung, Annäherung, Unruhe oder Veränderungen beim Menschen.

Besonders spannend finde ich dabei Hunde mit ausgeprägten sozialen Führungsqualitäten – die Hunde, die wir als Leithunde bezeichnen.

Ein souveräner Leithund kann eine erstaunlich hohe Wahrnehmungsbereitschaft zeigen, ohne auf jede einzelne Information reagieren zu müssen.

Er beobachtet.

Er bewertet.

Und wenn keine Handlung notwendig ist, kann er etwas, das uns Menschen manchmal erstaunlich schwerfällt:

Er lässt es gut sein.

Hohe Wahrnehmung und Souveränität sind deshalb für mich keine Gegensätze.

Vielleicht zeigt sich Souveränität gerade darin, viel wahrnehmen zu können, ohne sich von jeder Wahrnehmung führen zu lassen.

Wenn Mensch und Hund in Resonanz kommen

Nicht nur wir beobachten unsere Hunde.

Unsere Hunde beobachten auch uns.

Stellen wir uns eine Hundebegegnung vor. Schon in einiger Entfernung sehe ich einen fremden Hund und denke:

Bitte nicht schon wieder. Hoffentlich reagiert meiner heute nicht.

Mein Hund kennt diesen Gedanken nicht.

Aber vielleicht verändert sich bereits meine Körpersprache. Mein Blick wird starrer. Meine Stirn spannt sich an. Ich werde langsamer oder schneller. Ich nehme die Leine kürzer. Meine Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf die bevorstehende Begegnung.

Das alles kann mein Hund wahrnehmen.

Er wird aufmerksamer.

Ich bemerke seine Aufmerksamkeit und werde ebenfalls angespannter.

Er bemerkt wiederum meine Veränderung.

Wir beeinflussen uns gegenseitig.

Das ist ein Teil dessen, was ich mit Resonanz meine.

Nicht die Vorstellung, dass mein Hund meine Gedanken lesen kann.

Sondern:

Mein Hund muss nicht wissen, warum ich angespannt bin. Aber er erlebt, was meine Anspannung mit mir macht.

Deshalb interessiert mich in meiner Arbeit nicht nur:

Was macht der Hund?

Sondern auch:

Was nimmt der Hund wahr? Was nehme ich wahr? Was löst das in mir aus? Wie reagiere ich darauf? Und was löst meine Reaktion wiederum beim Hund aus?

Manchmal entsteht daraus Ruhe und Orientierung.

Manchmal entsteht eine Spirale, in der Mensch und Hund sich gegenseitig immer weiter in Unruhe bringen.

Nicht weniger wahrnehmen

Lange habe ich meine eigene Sensitivität hauptsächlich als Belastung erlebt.

Heute möchte ich sie nicht mehr loswerden.

Sie gehört zu mir.

Gerade bei meinen Hunden ist meine feine Wahrnehmung eine meiner wichtigsten Fähigkeiten. Sie hilft mir, kleine Veränderungen zu sehen, Zusammenhänge zu erkennen und genauer hinzuschauen.

Aber ich lerne, dass ich nicht auf alles reagieren muss, was ich wahrnehme.

Wahrnehmung ist nicht Interpretation. Wahrnehmung ist nicht Verantwortung. Empathie ist nicht Selbstaufgabe.

Meine Entwicklung besteht deshalb nicht darin, weniger wahrzunehmen.

Sie besteht darin, mich selbst in all dem, was ich wahrnehme, nicht mehr zu verlieren.

Und vielleicht liegt genau darin auch eine der größten Lektionen, die mir meine Hunde geben:

Wahrnehmen – ohne ständig reagieren zu müssen. Präsent sein – ohne alles kontrollieren zu müssen. Grenzen setzen – ohne die Verbindung zu verlieren.

Wie sich „zu viel“ anfühlen kann

Von außen sieht man manchmal nur einen Menschen, der mit seinem Hund eine Runde durch den Wald geht.

Doch was passiert, wenn dieser Mensch bereits mit einem gefüllten System dort ankommt – und innerhalb weniger Minuten immer mehr wahrnimmt?

Ein Spaziergang – zehn Minuten Wahrnehmung

Ein Spaziergang – zehn Minuten Wahrnehmung

Von außen sieht es ganz einfach aus

Ein Mensch geht mit seinem Hund im Wald spazieren.

Doch manchmal beginnt dieser Spaziergang lange bevor der erste Fuß den Waldweg berührt.

Ich komme später aus dem Büro als geplant. Einige Fälle beschäftigen mich noch. Eine Reaktion meiner Kollegin geht mir nicht aus dem Kopf. Auf der Autobahn war wieder Stau.

Eigentlich weiß ich schon beim Aussteigen:

Für die Runde, die ich heute gehen wollte, reicht die Zeit nicht.

In anderthalb Stunden muss ich die Kinder abholen. Natürlich könnten sie notfalls ein paar Minuten warten.

Aber in mir sagt etwas:

Ich muss pünktlich sein.

Es sind 25 Grad. Im Auto lief die Klimaanlage. Beim Aussteigen trifft mich die Hitze.

Die lange Hose habe ich bewusst angezogen, damit mich im Wald die Mücken nicht verrückt machen. Jetzt ist sie viel zu warm. Der Stoff meines BHs stört auf der Haut. Ich schwitze.

Der Parkplatz ist voller als sonst.

Mein erster Gedanke:

Heute werden viele Menschen im Wald sein.

Vom Spielplatz kommen laute Kinderstimmen. Mein Hund reagiert darauf.

Bei der Wärme riecht es am Waldeingang intensiv nach Hundekot. Hier lösen sich viele Hunde. Manches bleibt liegen, zusätzlich sammeln sich gefüllte Kotbeutel im Abfallbehälter.

Mein Hund zieht ins Gebüsch. Beinahe trete ich in einen Hundehaufen.

Und wir sind gerade erst angekommen.

Eigentlich wollte ich doch nur spazieren gehen

Ich nehme meinen Hund zunächst an die kurze Leine. So habe ich es gelernt: Die ersten Meter sollen ruhig und strukturiert sein, bevor er später mehr Freiraum bekommt.

Heute funktioniert es überhaupt nicht.

Mein Hund ist unruhig.

Ich werde unruhiger.

Das T-Shirt klebt inzwischen am Rücken. Ein Haar stört auf meiner Schulter. Die Kappe schützt mich vor der Sonne, aber gleichzeitig stört mich, dass sie mein Sichtfeld nach oben einschränkt.

Und während ich eigentlich mit meinem Hund unterwegs bin, bin ich gedanklich noch im Büro.

Warum hat meine Kollegin mich heute so komisch angesehen?

Was mache ich mit den ungeklärten Fällen?

Mit diesem unfreundlichen Menschen möchte ich eigentlich gar nicht telefonieren.

Gleichzeitig läuft die Uhr mit.

Wann muss ich umdrehen? Schaffe ich es rechtzeitig zur Schule?

Dann kommt der nächste Hund

An der ersten Kreuzung kommt ein freilaufender Hund um die Kurve.

Sofort steigt meine Spannung.

Kann man seinen Hund vor einer unübersichtlichen Kurve nicht kurz zu sich nehmen?

Mein Hund zieht nach vorne.

Der andere Hund ist freundlich.

Eigentlich möchte ich keinen Kontakt.

Aber ich möchte auch keinen Konflikt mit den Menschen.

Also lasse ich den Kontakt trotzdem zu.

Die Menschen möchten ein paar freundliche Worte wechseln.

Ich antworte freundlich.

Innerlich denke ich nur:

Ich möchte überhaupt nicht reden. Ich möchte weiter.

Zehn Minuten sind vergangen.

Ich bin heiß, verschwitzt, gereizt und unter Zeitdruck. Mein Kopf ist noch im Büro, schon bei der Schule und gleichzeitig bei allem, was um mich herum passiert.

Und ausgerechnet derjenige, mit dem ich eigentlich diesen Spaziergang machen wollte, bekommt immer weniger von meiner wirklichen Aufmerksamkeit:

mein Hund.

Was mein Hund davon mitbekommt

Mein Hund kennt meine Akten nicht.

Er weiß nichts von meiner Kollegin.

Er kennt die Baustelle auf der Autobahn nicht und weiß auch nicht, wann ich meine Kinder abholen muss.

Aber er sieht mich.

Meine gerunzelte Stirn.

Meinen starren Blick.

Mein Tempo.

Meine Körperspannung.

Meine Ungeduld.

Meine Reaktion auf Menschen und Hunde.

Vielleicht erlebt er, dass ich an Kreuzungen bereits angespannter werde, bevor überhaupt etwas passiert.

Er wird ebenfalls aufmerksamer und unruhiger.

Ich bemerke seine Unruhe.

Jetzt nervt mich auch noch sein Ziehen.

Ich werde gereizter und wirke stärker auf ihn ein.

Er reagiert wiederum auf mich.

Und irgendwann wissen wir vielleicht beide schon an der nächsten Kreuzung:

Hier kommt gleich wieder Stress.

Eine Spirale entsteht

Ich nehme immer mehr wahr.

↓

Meine Anspannung steigt.

↓

Ich bin immer weniger wirklich bei meinem Hund.

↓

Mein Hund wird unruhiger und reagiert stärker.

↓

Sein Verhalten wird für mich zum nächsten Stressfaktor.

↓

Meine Anspannung steigt weiter.

Das ist Resonanz in eine Richtung, die keinem von uns guttut.

Und irgendwann kann ein Hund auf Begegnungen möglicherweise selbst immer stärker mit Distanzverhalten reagieren – bellen, fixieren oder nach vorne gehen.

Nicht weil er weiß, dass mich Menschen nerven.

Sondern weil Begegnungen für ihn immer wieder mit Anspannung verbunden sind.

Heute sehe ich diesen Spaziergang anders

Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht:

Mein Hund ist heute unmöglich.

Heute interessiert mich eine andere Frage:

Wie ging es eigentlich mir, bevor mein Hund überhaupt „schwierig“ wurde?

Vielleicht hätte ich an diesem Tag eine kürzere Runde wählen können.

Vielleicht einen ruhigeren Ort.

Vielleicht hätte ich keinen Hundekontakt zulassen müssen, den ich selbst gar nicht wollte.

Vielleicht hätte ich mir erlauben können, nicht mit fremden Menschen zu reden.

Nicht alles davon ist jederzeit veränderbar.

Aber manches schon.

Und genau dort beginnt für mich Selbstbestimmung.

Ich möchte nicht lernen, weniger wahrzunehmen. Ich möchte lernen, mich selbst in all dem, was ich wahrnehme, nicht mehr zu verlieren.

Vielleicht kann mein Hund mir dabei etwas zeigen.

Nicht weil er mein Therapeut ist.

Sondern weil er jeden Tag erlebt, wie ich gerade wirklich da bin.